Ich habe etwas entdeckt. Ehe ich es ausposaune, muss ich erst mal klamüsern. Auseinanderzupfen, was mich bloß empört, weil ich ein Ego habe –  und was mich deshalb erschreckt, weil ich Teil einer Gesellschaft bin und wie alle anderen auch dafür verantwortlich dafür, wohin sie sich bewegt. Selbst wenn ich mucksmäuschenstill dahocke, werde ich mitgefangen und mitgehangen, wo immer sie sich verstrickt.

Und jetzt erlebe ich auf einmal, wie New York – das laute, wuselige Knäuel aus Menschen, die alle irgendwohin wollen, von denen mir so viele irgendetwas verklickern und verkaufen wollen, eine Geige, eine Meinung oder einen Telefonvertrag, eine Tierschutzspende, ein Gerücht oder ein auf gar keinen Fall zu verpassendes Konzert – wie diese inselförmige LED-Bewegtbild-Anzeigen-Tafel auf einmal still wird.

Rufe ich in den Wolkenkratzerwald, schallt nichts hinaus.

Davon wollte ich euch erzählen. Auch und gerade weil ich Hinweise dafür sehe, dass es keine (reine) New York-Geschichte ist.

Als Journalistin frage bei ganz verschiedenen Leuten nach einem Interview oder einem Statement zu einem bestimmten Thema, und ich bekomme keine Antwort. Nicht beim börsennotierten Unternehmen, nicht beim Online-Magazin, nicht bei der sozialen Kampagne, nicht beim großen Museum.

Beim Museum kommt auf eine E-Mail an die Pressestelle nichts zurück, auch nicht nach einer freundlichen Erinnerung. Am Telefon empfängt mich die automatische Antwort eines nett klingenden Mannes, der sagt, er arbeite da nicht mehr, aber man könne bei der Rezeption des Museums anrufen. Der Rezeptionist verbindet mich flugs … mit derselben Aufnahme. Als ich ihm das beim nächsten Anruf stecke, verbindet er mich mit dem Anrufbeantworter einer Frau, deren Name nicht zu verstehen ist. Eine Woche später spricht mir eine Frau mit einer ganz anderen, stockenden Stimme auf den meinigen, irgendwer hätte mich auf der Mailbox gehabt und ihr gesagt, sie solle mich anrufen, und, ähm. Wusste sie auch nicht weiter. Auf meinen Rückruf – wieder Maschine – mit der Bitte, mir bei einer Interviewanfrage zu helfen oder einen direkten Kontakt herzustellen, folgt Stille. An diesem Punkt habe ich die Wahl: Ich kann versuchen, zum Museumsdirektor vorzudringen und mich zu beschweren – oder die verbleibende Zeit bis zu meiner Deadline, die bereits verwendete Zeit und die zu erwartende Bezahlung abwägen.

Die anderen drei listen keinerlei Telefonnummern, nur E-Mail-Adressen, an die Journalistinnen wie ich sich wenden sollen. Von der Presse-Adresse der Firma kommt direkt eine automatische Antwort. Man bekäme sehr viele E-Mails und würde deshalb nicht alle beantworten. Meine E-Mail beantworten sie dann auch nicht. Auch nicht die nächste und die übernächste. Vom Online-Magazin und der Organisation kommt weder etwas Automatisches noch sonst eine Reaktion.

Da könnt ihr den Kopf schütteln und abwinken:

Och, isse knatschig, weil die anderen Kinder nicht mir ihr spielen wollen?

Klar. Aber das ist nicht der Rede wert. Absagenwegstecken gehört zu meinem Job. Eine Weile lang hab ich die schönsten von ihnen sogar aufbewahrt.

Jetzt hat sich etwas Neues eingeschlichen, und beinahe hätte ich es nicht bemerkt: Was einmal ein gewisser Anteil an Absagen war, ist jetzt weitläufige Anfragenabwehr. Sie macht es unmöglich, überhaupt erst anzufragen. Zum Beispiel Infomaterial zu bestellen oder um einem Gesprächstermin zu bitten. Das zerstört eine Absprache, die bislang für New York, für die USA und auch für Deutschland gegolten hat.

Bisher war die Absprache: Firmen denken sich was aus oder machen was, und weil sie das verbreiten wollen, sprechen sie mit der Presse. Die Presse verbreitet nicht, was Firmen in ihren Werbebroschüren schreiben, sondern sie stellt dazu Fragen und guckt sich um und findet heraus, was es alles zu bedenken gibt, wenn man das bewerten möchte, was die Firma macht oder sagt. Und wenn sie etwas Fragwürdiges findet, fragt sie sogar noch mal bei der Firma nach einer Stellungnahme. Aus Prinzip.

Bis vor Kurzem habe ich das nicht in Frage gestellt. Ich habe mich auch nicht gefragt, was wäre, wenn eine Seite ausstiege. Und schwiege. Fragen mit Schweigen quittierte. Oder gar Bedingungen aufbaute, bei denen niemand mehr Fragen stellen kann.

Ungeprüfte Informationen von Firmen kennzeichnen Medien aus gutem Grund als Werbung. Wenn ich das, was ich da im Klitzekleinen erlebe, nun weiterspinne, dann liefe es darauf hinaus, dass es über diese Firmen überhaupt nur noch ungeprüfte Aussagen gäbe, ungefragt, unbefragt, unhinterfragt, immer wieder, unzählige Male … auch dafür gibt es ein Wort. Propaganda.

Jetzt bitte nicht Alarm schlagen!

Was ich da gerade beobachte, führt nicht zu einer Feststellung, sondern zu Fragen. Denn meine Beobachtung reicht nicht zu einer Aussage; viermal gemauert, das lässt sich nicht verallgemeinern. Stattdessen wirft es Fragen auf. Nach Zusammenhang und Ausmaß und Wurzeln.

Die Geschäftswelt gibt dieser Tage sehr viel Anlass zu Fragen (zum Beispiel: Was passiert bei Facebook?). Gleichzeitig dünnt sie aus und bietet immer weniger Alternativen (wohin wechselst du, wenn dir Facebook zu viele Datenskandale mit einem „Oh, sorry, wir kümmern uns drum, aber wie, sagen wir nicht“ abtut?).  Das gibt einzelnen Firmen sehr viel Macht.

In einer Demokratie sind mehrere Mittel eingebaut, mit denen diejenigen, die Macht haben, kontrolliert und zur Verantwortung gezogen werden. So müssen sich diejenigen, die etwas machen, Fragen dazu gefallen lassen. Deshalb ist es mehr als die Laune eines Reality-TV-Darstellers, dass unser Präsident sich diesen Fragen entzieht, indem er sich auf eine Art an die Öffentlichkeit wendet, die keine Fragen erlaubt und die Profi-Fragefüchse der Presse komplett außen vorlässt.

In meinem Fall ging es um keinerlei heiße Eisen, mit denen die angefragten Organisationen unter Druck geraten wären. Ich wollte mit einer Managerin über ihre Arbeit sprechen, mit einer Kuratorin über das Thema eines ihrer Panels, mit einer Online-Magazin-Mitgründerin über ihr Ursprungsthema Mode und mit der Gründerin einer Organisation, die Bewusstsein für ein Anliegen schaffen will, über eben jenes Anliegen. Nach außen annoncieren sie Offenheit, größtenteils sogar extra Presseabteilungen. Doch auf meine formale Presseanfrage bekomme ich nicht einmal eine Absage. Sie alle schweigen.

Ich plumpse ins Niemandsland zwischen den Grenzen und reibe mir das Hinterteil, auf das ich mich stellen soll, damit was wird aus diesem Schlamassel. In der Ferne thront die Trutzburg der Entrüstung über einem Feld aus Sorgenfalten um die Gesellschaft, auf der anderen liegt das Reich der beleidigten Leberwürste, vorne das Land der aufrechten Ent- und Aufdecker, hinten das Meer der Unkenrufe und Panikwellen.

Ich möchte wissen, wie viele Firmen, Einrichtungen und Organisationen Anfragen von vornherein abwehren. Ob (und wenn, wie) sich die Anzahl an Interviews und auf Interviews beruhenden Artikeln verändert hat.

Und jetzt habe ich eine Frage an euch.

Von hier aus scheint es mir (Tunnelblick?!), als würden auch in Deutschland immer weniger Verantwortliche noch Interviews geben. Wie erlebt ihr das?

Und dann noch dies: Von einer vermeintlichen Schweigemauer lasse ich mich nicht zum Schweigen bringen. Ich frage weiter (an). Wenn ihr jemanden im Kopf habt, mit dem ihr hier gerne ein Interview lesen möchtet, lasst es mich wissen.