Es macht sich bemerkbar, wenn Ostern ist in New York. Mehr als in Deutschland, finde ich. So viele Menschen machen sich dann so richtig schick, wie zu Weihnachten auch. Es gibt Fotos und Kirchgang und Essen bei ihnen, da lohnt das Aufbrezeln ja so richtig. Außerdem gehört es zum Easter Parade & Easter Bonnet Festival dazu, das jedes Jahr auf der Fifth Avenue stattfindet.

Bunte Bilder davon habe ich euch oben in die Fotogalerie gestellt. Da passt nur Querformat hinein, ich habe aber auch noch Fotos von inspirierend schönen Menschen, die in voller Lulatschlänge zu sehen sind. Dazu gehört allerdings auch eine Geschichte, bei der die Bonbonfarben sich zunehmend verdüstern.

Osterparade New York

Ich habe den Ostersonntag als eine sonnige, sorglose Angelegenheit in Erinnerung. Auch meine Ostersonntage in New York. Aber wie das so ist mit den Erinnerungen: Man misst sie besser nicht an der Gegenwart. Früher war zwar nicht alles besser (ganz im Gegenteil, oder möchtet ihr das, was ich hier gerade tippe, zu Pfingsten im Briefkasten vorfinden, und zwar ohne Fotos?). Aber der Speicher im Kopf wirft Ballast ab.

Jede Nacht, mit jedem Traum, schafft er Platz für neue Erinnerungen, und als Allererstes geht über die Wupper, was blöd war oder langweilig oder unangenehm. Da hat dem Opa die Schule immer Spaß gemacht, und wenn man nach dem Lineal fragt, das auf die Finger sauste, dann haben das die anderen abgekriegt.

Die Erinnerungsspeicher defragmentieren selbst bei denen, die sich mordsmäßig bemühen, immer dasselbe zu machen, damit bloß alles bleibt, wie es ist. Und wenn sich doch was verändert, was es auf jeden Fall tut, dann kommt die Nostalgie. Die blendet die ganzen Abfallerinnerungen aus, und was bleibt, sind nur die schönen Erinnerungen. Man merkt gar nicht mehr, dass früher gar nichts besser war, und sehnt sich nach der guten alten Zeit.

Osterfest 2017

Das werfen hier viele Menschen den Trump-Wählern vor. Die wollen angeblich die 50er Jahre zurück, wo ein Job ein Leben lang hielt und man ein Haus dafür bekam und eine Familie, die immer auf einen hört. Dass man außerdem eine Staublunge bekam oder viel mehr Kinder, als man sattkriegen konnte, dass eine Meinung oder das Vorhandensein von Brüsten oder Hautfarben einem Lobotomie einbringen konnten oder Berufsverbot oder Galgen oder … das hat der Speicher alles nicht vorrätig.

Ich hab selbstverständlich durchschaut, dass es früher gar nicht besser war. Und dass Veränderung gut ist. Und dann gehe ich auf diesen Osterspaziergang und entdecke die Sehnsucht. Nach dem, was war. Also die Version aus der glattgeschälten Erinnerung. Und jetzt weiß ich auch nicht. Ihr ja vielleicht. Das ging so:

Als ich aufs Thermometer schaue, glaube ich, es sei kaputt: 29 Grad? Gestern waren es nicht mal ganz 20?? Gut für die Parade auf der Fifth Avenue, bei der viele New Yorker ihre schönsten oder auch durchgeknalltesten Hutkreationen vorzeigen. Nachdem ich allerlei bunte Osterhüte fotografiert, lebendige Küken bestaunt und mir die Mundwinkel muskulös gelächelt habe, komme ich auf die Idee, mal reinzugehen. In die St. Patricks Cathedral, vor der zu Ostern dieses Flanieren stattfindet.

Ich bin neugierig, ob da drinnen eine Fläche aus lauter geschmückten Hüten wogt, und entdecke, dass „Hut ab zum Gebet“ auch heute noch gilt. Vorne auf einem seltsamen, tischartigen Gebilde stehen sogar Schilder, die darauf hinweisen. Handy ist auch verboten. Und Essen. Ich will nicht weiter stören und wende mich gleich wieder zum Gehen. Und dann kracht mein unbeschwertes, buntes Osterfest zusammen.

Fifth Avenue New York

Die Frau hat ein Maschinengewehr in der Hand, daran hängt ein durchtrainierter Arm, der Rest ist bestimmt auch gestählt, aber in schwarze Kleider gesteckt, die speziell und hart aussehen. Kugelsicher und wer weiß was noch. Der Helm hat Kopfhörer und ist bestimmt schwer. Sie lächelt eine Frau an, ihr Kollege auch.

Die Frau hat einen Rucksack, und der Polizist sagt ihr, dass sie ihn nicht auf die Kirchentreppe stellen darf. „Auch nicht, wenn ich gleich hier dabeibleibe?“, fragt sie. „Nein“, sagt der Polizist. „Aus gutem Grund nicht.“

Auf Englisch sagt er das, und auf Englisch spricht man nicht von einem guten Grund, was gut ist, weil der Grund nicht gut ist. There is a reason for that. Mein Ostern war schon vorbei, als ich die beiden von der Anti-Terroreinheit da stehen sah. Jetzt bin ich auch noch traurig. Aus Gründen. Ich gehe zurück in die Kirche, um einen anderen Ausgang zu nehmen. Der wirkt unbewacht, das ist er aber wahrscheinlich gar nicht.

Ich setze mich auf die Stufen, um Beine mit Osterhut drauf zu fotografieren, es gelingt mir nicht recht, ich wende mich zum Gehen, und da sehe ich die Frau im japanischen Mantel, und der Typ neben mir sieht sie auch und springt auf sie zu.

„Ist das ein …“ Den Rest verstehe ich nicht, aber ich sehe, wohin der Mann schaut, ich sehe die Frau nicken und werte das gleichzeitig als Erlaubnis zum Fotografieren.

Easter Parade and Bonnet Festival

Der Mann schaut auf die rote Stelle in ihrem Hut, als hätte er nach stundenlangem Umherirren endlich einen vertrauten Straßennamen gefunden. Oder Wasser in der Wüste. Oder Kirchenasyl.  Make America Great Again. Anspannung klimpert die Kirchenstufen herunter, so deutlich spürbar wie eine Druckwelle.

„Die haben da vieles falsch verstanden. Aber ich liebe meine Trump!“ Die beiden strahlen sich einig an, dann geht er beschwingten Schrittes davon, und ich will mich auch wieder unters Volk mischen, frage mich jetzt aber, wie sich das wohl anfühlen mag für einen wie ihn, als Minderheit in dieser bunten Menge, die auf dem Kopf ab und an Kritik und Spott für den Präsidenten trägt, und innen drinnen bestimmt noch viel öfter.

Flamingo Easter Parade

Genau in diesem Augenblick setzt die Musik ein. Erst fürchte ich, mit meinem Kopf stimme etwas nicht, dann suche ich nach schrillgekleideten Hippies. Aber ich sehe nichts. Also folge ich der Musik wie ein Kind dem Rattenfänger, und der stellt sich als ganz normaler Mann heraus, der einen großen Kasten hinter sich herzieht. „Imagine all the people“, tönt es daraus. „Living life in peace.“

Für einen Moment legt sich die Linse der Schwarzgekleideten am Kirchentor über meine Optik. Ein Mann, ein großes Objekt, mitten im dichtesten Gedränge vor der Kirche. Aber dann setzen sich meine Ohren durch, und ich will zurück auf die Stufen.

Ich will mit der Frau mit dem rot-schwarzen Hut sprechen und mit dem erleichterten Mann. Ich will sie fragen, was das denn ist, das sie an ihrem Trump so lieben, ich will mir eine Welt vorstellen können, in dem sie sich nicht unter Feinden fühlen, in denen Hass seinen Sinn verliert.

Osterspaziergang

Aber ich sehe den Mann nicht, ich habe meine Chance verpasst, aus seiner Erleichterung eine Brücke zu bauen. Die Frau könnte da oben noch sein, ich schlage die ungefähre Richtung ein, da stellen sich mir drei Grazien in den Weg. Jemand will sie fotografieren, und mir wird schlecht. „Sollen sie doch Kuchen essen“, steht auf ihren Hüten.

Siebenundzwanzig Schritte weiter laden vier Polizisten an einem Wagen lässig Waffen ein oder aus, und ich gerate in eine Zeitlupe. Ganz nah scheine ich dem Maschinengewehr, kann meinen Blick nicht abwenden, warum, frage ich mich, und dann sehe ich es. Es sieht aus wie ein Spielzeug.

Durch mein Hirn zucken Blitze aus Dunkelheit, Vergleiche mit einer anderen Szene, vier solcher Waffen, auf mich gerichtet, Leute schreien immer dieselben drei Worte, und in meiner Erinnerung riecht es nach Metall. Jetzt scheint da lauter Plastik, viel tödlicher wahrscheinlich, sieht aber nicht so aus.

Lustig, wie so viele Gedanken nur Bruchteile von Sekunden in Anspruch nehmen, meine Kamerahand ist auch schon hochgezuckt, halbautomatisch, und schon strahlt mich einer der Behelmten an: „Kann ich Ihnen helfen?“

Aus Uniformiertenmund bedeutet das: Hör auf, verboten, verdächtig, gehorch, schleich dich. Das weiß ich zwar, aber Fragen buchstäblich nehmen kann ich hervorragend, also frage ich, ob ich ein Foto machen darf. Darf ich nicht. Ob das wahr ist, weiß ich nicht, aber er sagt es ganz ruhig, fast schon nett, tritt aber einen Schritt auf mich zu, jetzt sehe ich nichts mehr von dem Todeszeug, nur schwarzen Helm und schwarze Kugelweste.

Ich lächle und schlage mit den Wimpern wie ein kleines Mädchen, das soooo gerne ein Häschen hätte, der soll bloß keinen Schiss vor mir haben. Ich hätte Schiss, wenn ich mit Kriegswaffen hantieren würde und da käme wer an, ganz egal wer. Und das sind ja Kriegswaffen. Wann hat das noch gleich angefangen, dass die Polizisten immer mehr wie Soldaten aussehen?

Ich frage den freundlichen Mann mit dem Stahlhelm, ob so was bei solchen Veranstaltungen normal ist, und deute hinter ihn, und er sagt ja. „Na dann fühle ich mich jetzt aber beschützt“, sage ich, weil das ja so gedacht ist, aber ich fühle das Gegenteil.

Meine Knie wabbeln ein bisschen, als ich weitergehe. Und als ich merke, dass etwas in mir ganz schnell ganz weit weg will, da fällt es mir auf: Ich bin wie die. Mir platzt fast das Herz vor Sehnsucht nach einer Zeit, in der mich keine Anti-Terroreinheit zu beschützen versuchte, in der ein Rucksack keine Waffe war. Ich will mich mit so etwas nicht auseinandersetzen, das soll weg, ich will zurück, das soll alles rückgängig gemacht werden, dafür soll jetzt gefälligst wer sorgen.

So ein Quatsch, das musst du schon selber anleiern, kreische ich mich zurück in die Realität, und schon kommt ein Phrasendrescher angefahren und fährt mich zu Klump und alles wird ganz langsam schwarz. Früher, so hauche ich noch schnell, waren wir unbeschwert, da war ein Fest nur ein Fest und Frieden nicht nur ein Wort.

Friedenstaube Ostern New York

 

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