Ich hatte mir Piroggen immer viel krümeliger vorgestellt. Aber erstens schmecken sie trotzdem super, und zweitens garnieren sie das Bild vom Melting Pot so fein.

Ich bin im Polnischen Heimatverein – oder wie auch immer so etwas in Deutschland heißen würde. Den gibt es seit gut hundert Jahren, und, Gentrifizierung sei dank, koexistiert er seit ein paar Jahren friedlich mit der Rock’n’Roll-Jugend, die den Stadtteil überschwemmt hat (was Probleme mit sich bringt; hier in der Nähe sprach mir und einigen Begleitern neulich eine Ureinwohnerin, die spätabends noch mal ihren Hund rausließ, ihr begeistertes Wohlwollen aus, weil wir die ersten waren, die ihr nüchtern entgegenkamen).

Die Räumlichkeiten von Warsaw bespielen heute die netten Leute von BUST, einem Selbermach-Magazin für die postfeministische Generation. Und das heißt: Fauxhemiens, Hipster, Fashionista und Designbrillenträger schieben sich an Ständen mit DIY-Kettchen, -Kleidung, -Keramik, -Postkarten, -Seifen und so weiter vorbei, während lauter Garagenrock aus den Boxen dröhnt.

So nämlich macht man das, wenn man die örtliche Designszene nach vorn bringen will. Und nicht nur das: Die Selbermacher denken sich so einiges aus, um ihre Sachen in Szene zu setzen. Diese Dame hier etwa setzt ausgesuchte Ohrringe in, tja, was sind das: alte Lampen? Ich komme nicht zum Zug, sie danach zu fragen, weil sie verkauft wie hulle.

Das alles heißt nun aber nicht, dass die Menschen, die hier gerne ihre polnischen Wurzeln feiern, für heute draußen bleiben müssen. In der Cafeteria ist zwar ein überhipper Kaffeestand aufgebaut. Aber über Eck steht ein schlichter Tisch, eine mittelalte Polin mit beeindruckend aufgetürmtem Blondhaar nimmt dahinter die Bestellungen für Piroggen mit oder ohne Wurst und Sauerkraut auf, verschwindet für ein paar Minuten in der Küche und schleppt Teller heran. Zwischen den Leuten aus dem Kreativmarktpublikum, direkt vor dem schicken Kaffeestand, wirkt ein älterer Herr etwas verloren. In Wahrheit ist er auf zack und besorgt blitzschnell neues Wechselgeld, wenn das Geschäft der blonden Küchenchefin ins Stocken gerät.

Ich frage mich, ob die Leute hier wissen, dass im deutschen Segler-Latein das Wort „Warschau“ so etwas wie „Achtung, Vorsicht!“ bedeutet. Und wieso das eigentlich so ist, das wollte ich auch schon immer mal wissen.

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