Ist ein Reihenhaus spießig? Kommt drauf an. In New York muss man nur ein Wort dazusagen, um andächtige Seufzer zu hören: Brownstone.

In vielen Vierteln New Yorks prägen sie ganze Straßenzüge: Reihenhäuser mit einer braunen Fassade und einer steilen, oft von einem  gusseisernen Geländer gesäumten Steintreppe zur Eingangstür, die fast schon auf der Höhe des nächsten Stockwerks liegt (zweiter Stock nach amerikanischer Rechnung, 1. Stock nach deutscher).

Brownstone Treppen

 

In Manhattan findet ihr diese Brownstones vor allem auf der Upper West Side und in Harlem, ein paar auch in anderen Vierteln, etwa der Upper East Side oder Greenwich Village. Und dann gibt es noch Brownstone Brooklyn: Park Slope, Fort Greene, Bed-Stuy, Prospect Heights, Cobble Hill, Brooklyn Heights, Bay Ridge …

Im Folgenden zeige ich euch Fotos aus mehreren dieser Viertel in Brooklyn. Dazu erzähle ich euch Geschichten von Filmstars und Kulissenschiebern, einer meinungsfreudigen Autorin, einem Archivmaterialausgräber und zwei europäischen Diktatoren, die sich in diesem Falle als total ahnungslos herausstellen.

Alles nur Fassade?

Brownstones heißen, wie sie heißen, weil sie so aussehen – und wegen des Steins, der ihnen zum Schokoladen-Look verhilft. Es ist ein Sandstein mit Eisenoxid-Anteilen, die ihm die rötlich-braune Farbe geben. Die Häuser sind allerdings kaum aus diesem Stein gebaut, sondern Brownstone dient nur als Fassade. Die eigentlichen Wände bestehen aus herkömmlichen Ziegeln – die man heutzutage drinnen gern zumindest an einigen Wänden offen lässt, in natur-rötlich oder weiß getüncht – die Mode, Leute, die Mode.

Ziegel und Brownstone-Fassade

So richtig in Mode kam Brownstone zunächst einmal nicht in New York. Hellere Steine galten als viel eleganter, und teurer waren sie auch, also: Wer im 18. Jahrhundert auf sich hielt und auch das Portmonnaie weit aufhalten konnte, der ließ Granit, Marmor oder Kalkstein heranschiffen.

Doch Mitte des 19. Jahrhunders rückten zwei Veränderungen den Brownstone in den Fokus der New Yorker: Die Romantik brachte eine Vorliebe für das Dunkle mit sich, und neue Technik machte den Abbau des Brownstone noch günstiger. In den 1860er Jahren war er der beliebteste Stein beim Häuserbau in New York.

Das hat sich so tief ins Bewusstsein gegraben, dass „Brownstone“ heute ein Synonym für die New Yorker Reihenhäuser ist – selbst wenn die mit einem anderen Stein verklinkert sind. Tapfer hält die Immobilienbranche dagegen und sagt beharrlich „Townhouse“. Klingt irgendwie schicker. Die Mode, Leute, die Mode. Wobei … die sich natürlich immer wieder ändert.

Hollywood liebt Brownstones

Holly Golightly wohnt in einem Brownstone in Manhattan. Lang ist Liste der Filme und Fernsehserien, die früher oder später eine braune Häuserreihe ins Bild rücken oder ihre Figuren sehnsüchtig aus dem Erkerfenster schauen lassen.

Gusseiserne Verzierung am Brownstone in Brooklyn

Die Universal Studios haben seit Jahrzehnten ein Kulissenareal namens Brownstone Street. Das „Breakfast At Tiffany’s“-Brownstone steht dort nicht, das gibt es tatsächlich in Manhattan auf der Upper East Side. Im Juli wurde es für 7,4 Millionen Dollar verkauft.

Auch das Haus aus „You’ve Got Mail“ steht nicht in Brooklyn, sondern auf der Upper West Side. Die „Cosby Show“ spielt dagegen in einem fiktiven Block in Brooklyn Heights. Aber für „Do The Right Thing“ kann man sagen: featuring Brownstone Brooklyn.

Brownstone Brooklyn mit Streetart

Und die Geschichte der Reihenhäuser und ihrer Viertel bleibt präsent. In „The Intern“ und „Orange Is The New Black“ liefern Brownstones die passende Kulisse für das, was junge, gutbetuchte Leute heute in Brownstone Brooklyn machen: den Traum leben. Den Traum vom Instagram-tauglichen Leben mit einem Hauch Geschichte.

Das gefällt nicht nur den Figuren, sondern auch den Schauspielerinnen und Schauspielern. Emily Mortimer, Maggie Gyllenhaal und Steve Buschemi zum Beispiel sind dem Reihenhaustraum von Brooklyn verfallen.

Edith Wharton hasst Brownstones

Doch selbst in ihren Hochzeiten hatte die Brownstone-Mode nicht nur Fans. Die Schriftstellerin Edith Wharton (für den Roman „Zeit der Unschuld“1920 mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet) schreibt in ihrer Autobiografie „A Backward Glance“:

„One of the most depressing impressions of my childhood is my recollection of the intolerable ugliness of New York … cursed with its universal chocolate-coloured coating of the most hideous stone ever quarried“

Häuserreihe in Brooklyn

Hatte ich erwähnt, dass ich Unschärfe super finde, so zum Illustrieren?

Tja. „Der hässlicheste Stein, der je aus einem Steinbruch kam“ ist heute ein vielzitierter Satz. Besonders, so mein Eindruck, seit Brownstones auf dem New Yorker Immobilienmarkt zu Multimillionen-Objekten geworden sind. Neid macht hässlich.

Unglaubliche Geschichten aus Brownstone Brooklyn

Es gibt aber auch viele New Yorker, die in vergangenen Zeiten nicht die Moden, sondern die Geschichten sehen. Brian Hartig hat aus seinem Interesse an den alten Reihenhäusern ein Nebengeschäft gemacht: Brownstone Detectives erforscht auf Verlangen die Geschichte des Hauses und dessen Vorbesitzer, so weit nur irgend möglich.

 

Brownstones in verschiedenen Farben

Brownstones müssen nicht braun bleiben …

Auf die Idee kam Hartwig, als er 2013 sein eigenes Brownstone in Bedford-Stuyvesant renovieren ließ, neugierig Abend für Abend den Schutt durchwühlte und erstaunlich viele Artefakte fand. Inzwischen ist er ein Dauergast in den entsprechenden Archiven. Für 725 Dollar liefert er interessierten Brownstone-Besitzern einen rund 20-seitigen Bericht über die Geschichte ihres Hauses, für einen vierstelligen Betrag gibt es ein schickes Coffee Table Book.

Im Blog der Brownstone Detectives finden sich lesenswerte Geschichten gratis. Mein absoluter Liebling  ist ein Kabinettstück zweier New Yorker Anwälte, die ihre Hypothek nicht mehr zahlen konnten und sich im Jahr 1940 etwas Unglaubliches ausdachten, um der Bank die Zwangsvollstreckung zu erschweren. Der Plan geht auf und führt zu der großartigen Schlagzeile „Hitler und Stalin aus Brooklyn vertrieben“. Lest die Geschichte hier nach.

Das dazugehörige Haus steht in Brownstone Brooklyn, ist allerdings eine andere Art von Gebäude, ein Tenement nämlich.

Blume am Haus

 

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