Soho und Bushwick machen Druck

Vor dem Wooster Street Social Club in Soho hängen so viele Leute herum und rauchen, dass ich fast den falschen Eingang nehmen will. Exklusiv ist der Club nicht: Wooster Street ist ein Tätowierstudio mit Raum für Ausstellungen und Veranstaltungen. Heute wird hier eine Ausstellung von Chris Stain eröffnet. Dazu feiert der Streetartist auch gleich noch die Veröffentlichung von „Long Story Short – A Collection of Inspiration“. Und der Aktivist Josh MacPhee (Just Seeds) hält einen Vortrag über die Verbindung von Wandmalerei und sozialen Bewegungen. Aber das ist hier ja kein Geschichtsclub. Am anderen Ende der…

Wo ist das Christkind?

Das habe ich nun davon, dass ich meinen alljährlichen Besuch in Dyker Heights bis jetzt aufgeschoben habe: Meine Fingerspitzennerven beschweren sich erbittert, es ist kalt geworden in New York. Aber diese Weihnachtsbeleuchtung mag ich einfach nicht verpassen. Der riesige Weihnachtsmann ist ebenso Standard wie die riesigen Nussknacker hinter ihm und am Haus gegenüber. Lichterketten braucht man eigentlich schon gar nicht mehr so erwähnen, aufgeblasene Figuren auch nicht, so verbreitet sind sie hier, weit draußen in Brooklyn, wo die Autos im Schneckentempo an den Villen vorbeiziehen. Manche haben passenderweise einen Weihnachtsbaum aufs Dach geschnallt. Der Schmuck…

Größte Veränderung der Stadtgeschichte

Betty wohnt in der Nachbarschaft. Im Gegensatz zu mir lebt sie schon ihr ganzes Leben in der Gegend, und sie hat mir ein paar Lenze voraus. Als eines von acht Geschwistern hat sie hier eine Menge erlebt, bewegt, kommen und gehen sehen. „Es war alles völlig anders als heute“, sagt sie. Ich frage, welche Veränderung ihr heute am stärksten auffällt. Sie sagt: „Die Hunde.“ Und dann erklärt sie mir, dass man früher nicht aufpassen musste, ob man von einer Hundeleine gefällt wird. „Besonders diese Laufleinen“, sagt sie, „die übersieht man so leicht.“ Und dann erzählt…

Dies ist keine Protestbewegung

Vielleicht lese und sehe ich ja nur die falschen Beiträge. Aber es kommt mir so vor, als ob „Occupy Wall Street“ immer nur in Bewegung gezeigt wird – sie marschieren hierhin und dorthin, gestern ja zum Beispiel massenhaft durch den Verkehr am Times Square. Doch der Zucotti Park, in dem die Aktivisten ihr Hauptquartier haben, ist kein Campingplatz für Demonstranten. Den ganzen Tag über gibt es, oft parallel, größere Gruppen mit lauten Rednern und kleine Sitzkreise mit intimer Diskussion, und an jeder Ecke finden sich Leute, die Fragen stellen und Leute, die antworten und Leute,…

Vorsicht, scharf!

Margery hatte einen Kunst-Abschluss und einen Job im Fischmarkt. Da lernte sie ein paar Brocken Japanisch – und eine Menge über Messer. Seit 1983 schärft sie Messer. „Da war ich fünf“, lacht sie, weil das ja schon eine ganze Weile her ist, dass sie mit dem Samurai Sharpening Service angefangen hat. Ich habe ihr zwei meiner Messer mitgebracht und sehe sie gut bei ihr aufgehoben. Sie schaut erst einmal nach, ob sie etwas gegen die Flecken auf dem großen Messer unternehmen kann. Aber die gehen nicht weg. Es ist kein teures Messer gewesen, ich mag…

Wetterleuchten

Ich hab doch bloß eine Bemerkung über das Wetter gemacht. Das gilt eigentlich als unverfängliches Smalltalk-Thema, und nachdem ich wegen des Regens heute schon genug geflucht habe – ich trage Sandalen – und auf dem Weg ins Taxi mal wieder nass geworden bin, war es so natürlich wie Ausatmen, den Regen zu erwähnen. Aber das war ein Fehler. „Ja“, sagt er. „Das könnte am Haarp-Projekt liegen.“ Ich verstehe erst mal nur „Harp“ und irgendein Gemurmel dahinter und denke daher, er meint irgendeines dieser Wetterphänomene wie Jet Stream oder Lake Effect. Aber bald dämmert mir, dass…

Hey, Man!

Als er angekündigt wird, sitzt er da wie ein Elvisimitator, der die Aufmerksamkeit ebenso gewohnt ist wie einfordert. Aber Reverend Billy ist weder Schmierenkomödiant noch Fernsehpastor, und heute soll er gar nicht predigen, sondern lesen.  Im Buch „The Reverend Billy Project“ erzählen William Talen und seine Gattin Savitri Durkee, wie sie Straßentheater, Performancekunst und Aktivismus verbinden zu dem, was heute Reverend Billy and The Church of Earthalujah heißt (früher: The Church of Stop Shopping). Hinterher lassen sie aber doch noch ihren Gospelchor singen. Vorher hat Savitri die Buchpassage vom Besuch in Barcelona gelesen, wo sie…