Second Avenue Subway eröffnet, pfeift es ihm durch den Schädel. Rufus Henry Gilbert dreht sich um. Seine Knochen klappern, als eine Krake sein Dasein streift. Ein Bild von gleißender Helligkeit leuchtet auf, funkt gleichzeitig einen Standort tief unter der Erde.

Sauber und schnell, so wie er es immer wollte. Aber nur drei Haltestellen hat diese neue Linie. Da werde ich wohl noch eine Weile in der Zwischenwelt hängenbleiben, denkt Rufus.

Second Avenue Subway Rolltreppe

Nach mehr als 130 Jahren im Äther hat er sich daran gewöhnt, dass Wesen aus der Zukunft durch ihn hindurch huschen. Schwerlich findet er Worte dafür, was dabei geschieht. Die meisten anderen Toten waren nach all dieser Zeit längst im Nirwana aufgegangen, versprengte Ideen, auf viele neue Wesen verteilt. Rufus vermutet eine Ironie des Schicksals hinter der Beständigkeit seiner selbst: Sein unvollendetes Lebenswerk hält ihn offenbar zusammen.

Vorläufer der Second Avenue Subway: Der El

Rufus Henry Gilbert wollte zu Lebzeiten solide Infrastruktur schaffen, seine Vision war unter anderem ein Zug entlang der Second Avenue gewesen. Er konnte ja nicht ahnen, dass daraus eine so langwierige Angelegegenheit erwüchse, die ihn noch lange nach seinem Tod behelligen würde.

U-Bahn Fahrkartenautomaten New York

Tatsächlich hatte er noch zu Lebzeiten das Patent für seine Zugtechnik bekommen, eine andere Linie über der Sixth Avenue gebaut und weitergemacht, obwohl ihm die Investoren übel mitspielten und seine Krankheit ihm zusetzte. El nannten die Leute die Züge, als Abkürzung für Elevated Train, Hochbahn. Später sagten sie sogar nur noch L, diese Faulpelze.

Das Gerumpel des Second Avenue El von Downtown bis in den Norden Manhattans war die schönste Zukunftsmusik (nycsubway.org hat tolle historische Fotos)! Bis die Stadt New York sich einer neuen Melodie zuwand und den Massentransport unter der Erde quietschen lassen wollte, aber damit nicht vorankam. Deshalb bleibt Rufus Henry Gilbert in dieser Schwebe, mausetot, aber immer wieder zwackt ein Blitz auf und beleuchtet seine Vision wie eine glitzernde Träne. Fratzenhaft mit langen, bunten Schatten zittern die Züge darin.

Linie Q Second Avenue Subway New York

„Lass uns diese Düstergerüste abreißen!“, schallt es durch den Äther. Es ist gerade mal 1919, oder vielleicht sind es auch schon die 20er Jahre, Rufus kann es nicht so genau erkennen. Die Stadtoberen wollen die Second Avenue aufreißen, tiefe Gräben graben lassen und wieder schließen. Unter der neuen Straße soll dann eine Untergrundbahn fahren.

U-Bahn-Pläne auf der langen Bank

Anderswo rücken tatsächlich die Bautrupps an, aber nicht auf der Second Avenue. Dort fährt der El. Bis 1942 tatsächlich das Klirren von Metall auf Metall die Luft in der Gegend erfüllte. Die neue U-Bahn ist noch nicht einmal ein Reißbrettplan, aber die Hochbahn wird schon mal abgerissen.

U-Bahn-Haltestelle 63rd Street New York

Alle paar Jahrzehnte weckt ein neues nebulöses Wabern Rufus aus seinem Wartezustand. Second Avenue Subway, flüstert es. Ein Spatenstich in den 1970er Jahren. Streit ums Geld. In hundert Jahren hat sich nichts geändert in New York, denkt Rufus jedes Mal. Erst im neuen Jahrtausend klingt das Gezeter anders. Begriffe wie Arbeitsschutz und Umweltschutz umschwirren Rufus.

2007 wird aus dem sporadischen Vorbeizucken einer Schnapsidee ein stetiger Gedankenstrom. 2011 soll wieder ein Zug die Second Avenue entlang sausen! Bald schon folgen neue Zahlen. Rufus würde jetzt doch gerne mal kurz wieder einen Körper mit Lungen haben, dann könnte er stöhnen. Hartnäckig hält sich schließlich die Zahl 2016. Kaum ist jenes Jahr verstrichen, hämmert es Schlagzeilen durch Rufus hindurch. Und dann kommt das Wissen angeschwappt.

Wie die neue U-Bahn-Strecke entstand

Die Datenkrake lässt all ihre Tentakeln ringeln, bis sich ihre Saugnäpfe schmatzend berühren. Dann holt sie aus, und plötzlich fliegen Rufus all die Häppchen um die Ohren, die dieser Vielfraß sich in seinem unterirdischen Versteck einverleibt hat.

  • 3 neue Haltestellen umfasst die Second Avenue Subway.
  • Eine 484 Tonnen schwere und 137 Meter lange Maschine bohrte die beiden Tunnel in den Fels, durch die die U-Bahnen jeweils nach Norden bzw. Süden fahren.
  • Bei den Tunnelbauarbeiten entfernte dieser Riesenbohrer rund 425.000 Kubikmeter Fels und 170.000 Kubikmeter Erde. Zum Vergleich erklärt der Gothamist: Damit könnte man ein Footballfeld etwa 110 Meter hoch bedecken.
  • 50 Jahre lang hat es keine so große Erweiterung des New Yorker U-Bahn-Netzes gegeben.
  • Knapp 100 Jahre hat es von der Idee bis zur Umsetzung gedauert. Meistens scheiterte sie an Geldmangel. Vor 44 Jahren gab es dann den ersten Spatenstich – viel mehr passierte damals aber nicht. Erneut gab es Streit ums Budget und ungezählte Details.
  • Rund 4,5 Milliarden Dollar hat dieses neue Stück U-Bahn mit drei Haltestellen schließlich gekostet. Ursprünglich waren „nur“ 3,8 Milliarden Dollar eingeplant.
  • Der nächste Abschnitt – bis zur 125th Street – soll sechs Milliarden Dollar kosten. Die Tunnelbauarbeiten sollen frühestens 2019 beginnen.
  • 200.000 Fahrgäste pro Tag erwarten die New Yorker Verkehrsbetriebe MTA täglich auf dem neuen Streckenabschnitt. Zum Vergleich: Das gesamte U-Bahn-Netz von Los Angeles hat pro Tag 350.000 Fahrgäste.

Die Second Avenue Subway wurde Neujahr um 12 Uhr mittags eröffnet. Sie wird von einer Verlängerung des Q train bedient, die – derzeit noch nur tagsüber – von der Haltestelle 63rd Street/Lexington Avenue (bisher nur F train) die neuen Haltestellen 72nd Street, 86th Street und 96th Street (jeweils Ecke Seond Avenue) anfährt.

Alle Stationen sind wie üblich in New York mit toller Kunst ausgestattet. Dazu schreibe ich euch noch eine bildreiche Geschichte – den 2. Teil der Second Avenue Subway-Saga.

 

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