Nicht zum ersten Mal macht Janinah Burnett etwas, das es vorher noch nicht gab.

 

Janinah

Nach New York kommt die Opernsängerin, um in „La Boheme on Broadway“ zu singen – einem Musical, das die Opernwelt entsetzt. „Das fand ich gerade gut“, sagt sie heute. „Denn es fordert die Öffentlichkeit heraus.“

Ihrer Karriere hat der Schritt nicht geschadet: Berlin, Rom, Lissabon – und natürlich Metropolitan Opera New York. Dort arbeitet sie im Moment als Zweitbesetzung bei „Manon“. Parallel dazu überschreitet sie wieder Grenzen: Die Skandale um Polizisten, die Schwarze umbringen, haben Janinah Burnett dazu bewegt, statt eines klassischen Konzertabends eine Mischung aus Gesang und Spoken Word Poetry zu erschaffen – und dafür an den Schreibtisch zu wechseln.

Im Interview erzählt sie,was hinter „I, Too Sing America: An Artistic Tribute to Victims of Police Brutality“ steckt, was es schwierig machen kann, über Rassismus zu sprechen, und welche Kraft angesichts gesellschaftlicher Probleme von der Kunst ausgeht.

 

Janinah, anlässlich der Fälle wie Ferguson/Michael Brown oder Eric Garner in New York gibt es seit vielen Monaten Proteste, sie scheinen aber erst in jüngster Zeit auch Ausstellungen oder ein Konzert wie deines nach sich zu ziehen. Haben Künstler einfach eine Weile gebraucht, um das Thema aufzugreifen?

Ich glaube schon. Ich glaube, viele macht der Gedanke nervös, etwas zu sagen.

Warum das denn?

Man will keinen Staub aufwirbeln, nicht als streitbar oder umstritten gelten. Und nicht ruinieren, was man sich aufgebaut hat.

Weil man riskiert, nicht mehr engagiert zu werden?

Ja. Das ist aber nur eine Spekulation meinerseits.

Hast du selbst Konsequenzen zu spüren bekommen, halten Veranstalter dich auf Abstand, seit du „I, Too Sing America: An Artistic Tribute to Victims of Police Brutality“ aufgeführt hast?

Plakat "Stoppt Polizeigewalt"

Plakat in East Harlem – nicht von Janinah, sondern von der südamerikanisch inspirierten Gruppe MST-NYC.

Nein, nein. Aber manche meiner Freunde sagen, ich könnte wahrscheinlich ein größeres Publikum anziehen, wenn ich nicht „Polizeigewalt“ im Titel hätte. Ich kann mich dafür nicht so recht erwärmen, aber ich verstehe, was sie meinen. Manche Leute bringt es vielleicht aus der Fassung: Wir glauben das nicht, wir wollen nicht glauben, dass das Polizeigewalt ist, und deshalb gehen wir nicht zum Konzert. Es bekäme vielleicht mehr Aufmerksamkeit, wenn ich es „Black History Concert“ nennen würde oder so, und wenn das Publikum dann da sitzt, könnte ich ja singen, was ich wolle. So der Rat. Aber das will ich nicht! Alle anderen versuchen doch, das schönzufärben. Das entspricht aber nicht den jetzigen Zeiten, mein Herz jedenfalls sagt etwas anderes.

Wieso hast du das Konzert so aufgebaut, dass man beim Zuhören ganz unterschiedliche Stimmungen erlebt: Zorn, Trauer, Hoffnung, Aufbruchstimmung … ?

Ich weiß nicht, ob das eine kulturelle Frage ist, eine amerikanische Eigenart, aber: Wir laufen vor unseren Gefühlen davon. Man bringt uns von klein auf bei: Nun wein doch nicht. Deshalb solltest du gar nicht traurig sein. Unterdrücke deinen Zorn, das ist ein böses Gefühl. Oder: So etwas solltest du nicht sagen. Obwohl du das aber empfindest. Ich glaube, mit dem wahrhaftigen, authentischen Ausdruck deiner Gefühle kann es zu einer Karthasis kommen, die dich heilt.

Wie kann Musik zu dieser Heilung beitragen?

Egal um welche Gefühle es geht: Heilung kann beginnen, wenn du gezwungen bist, diese Gefühle zu fühlen, und zwar in einem Feld, das dabei hilft und Sicherheit gibt. Ich finde, Kunst, die einen herausfordern, bringt einen dazu, etwas zu fühlen. Das Konzert ist für die Menschheit. Denn die Menschheit muss geheilt werden. Die Verbindung untereinander ist zerbrochen, sie muss wieder heilen. Deshalb ist mir Heilung wichtig.

Wie bist du eigentlich auf die Idee gekommen ein Konzert als „Tribute to Victims of Police Brutality“ zu konzipieren?

Mit Kenneth Overton, dem Bariton aus dem Konzert, wollte ich schon lange ein Rezital zusammen machen. Ursprünglich solltes es ein Kunstlied-Konzert werden. Aber ich fand, wir sollten etwas komplett anderes auf die Beine stellen, etwas, das es noch nie gab, und das all unsere Talente in Anspruch nimmt.

Künstler müssen eine Stimme seinIch wollte ein Rezital jenseits der Norm, es sollte Spoken Word dabeisein. Zu diesem Zeitpunkt war ich sehr betroffen von dem, was gerade in unserer Gesellschaft passierte: die Polizeigewalt, die jungen Männer, die starben. Das hat uns berührt. Ich fand, als Künstler haben wir die Pflicht, eine Stimme zu sein. Nicht die Stimme aller, das geht nicht, aber wir müssen dem eine Stimme geben, was uns bewegt, und was vielleicht diese jungen Männer anspricht. Ich fragte sogar meine Mutter, welche Künstler und Schriftsteller ich für eine Show verwenden könnte, um Spoken Word dort einzuflechten. Meine Mom sagte: Dich. Das solltest du schreiben, das kannst du doch. Es war irgendwie karthatisch, meine Gedanken und Gefühle auf Papier zu bringen.

Für eine Sängerin liegt die künstlerische Leistung dagegen in der Interpretation dessen, was ein anderer geschaffen hat. Willst du nun auf diese Seite wechseln?

Darum geht es bei dem Konzert, ja. Ich singe ja schon lange, aber dieses Jahr merkte ich: Mensch, ich habe eine Menge zu sagen als Künstlerin, ich will mir nicht vorschreiben lassen, dass ich das nicht sagen darf. Selbst machen wollte ich es aber auch, weil die Kunst, die wir sonst machen, in diesem oder jenem Geist entstanden ist. Ich wollte etwas, das sich meine Kollegen ganz anders zu eigen machen würden als sonst, viel persönlicher. Wir hatten schon vorher zusammengearbeitet, aber das waren nur Jobs. Nein, nicht nur Jobs, das ist falsch, aber eben Jobs. Weil wir bei diesem Konzert eine persönliche Bindung an die Kunst haben, kommt auch die Musik anders rüber. Außerdem finde ich, Oper und Musik sind doch eigentlich Gemeinschaftswerke, wir müssen immer einbeziehen, was die anderen Künstler mitbringen. Aber oft läuft das nicht so.

Wie läuft es denn stattdessen?

Da diktiert oft einer alles, und du bist bloß seine Marionette. Das habe ich satt. Ich wollte etwas machen, das einen echten Gemeinschaftsgeist hat, wo wir alle eine Verbindung eingehen und sich keiner Sorgen macht, dass er sich nicht genug auskennt, dass jemand sagen wird „deine Idee gilt hier nichts“, oder „nein, das darfst du so nicht machen“. Ich wollte etwas, wo wir alle unsere Ideen und Gefühle zu dem Thema einbringen können.

In deinem Konzert liest du ein selbstgeschriebenes Stück mit dem Titel „You Don’t Know Me“. Was sollte ich denn über dich wissen?

Ich würde sagen:

 

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Zuallererst einmal solltest du wissen, dass ich ein Mensch bin wie jeder andere auch. Ich ähnle dir mehr, als dass ich mich von dir unterscheide. Aber das Verschiedensein ist die treibende Kraft dafür, dass die Welt sich dreht.

Wie formt die Erwartung anderer die Art, wie du durchs Leben gehst oder anderen Menschen begegnest?

Darüber habe ich neulich erst nachgedacht. Und zwar beim Gedanken an Menschen, die ihren Müll einfach fallen lassen oder herumliegen lassen. Bei uns sieht man solche Leute und denkt: Das ist denen wohl einfach egal. Ihre Umgebung, alles. Und das liegt an diesem Gefühl, dass du allen egal bist. Keinen schert, was mit dir ist. Deine Mutter kümmert sich vielleicht nicht so recht, kann sie vielleicht gar nicht, dein Vater auch nicht, und die Umgebung, in der du lebst, bejaht nichts an deinem Dasein. Als wärst du ein Schorf am Knie der Gesellschaft oder so etwas. Und das ist nur ein Element dessen, von dem ich sagen kann: Das ist mir unter Meinesgleichen aufgefallen. Ich bemerke sogar an mir selbst, dass ich manchmal auf Menschen herabsehe, aus welchem Grund auch immer – und welches Gefühl das bei ihnen hinterlässt, obwohl es ja nur eine aus der Ferne kommende Kraft ist. Wie muss das sein, wenn jeder dich so sieht, wenn sich jeder so benimmt, mit dem du zu tun hast? Wie wirkt sich das auf deine Erscheinung aus? Ich glaube, so ist Rassismus. Man schaut dich ein bisschen anders an. Es ist ganz subtil.

Wie gehst du damit um, wie bringst du das zur Sprache?

Es ist schwer, darüber zu sprechen, weil du dich fragst, wieviel davon von dir ausgeht und wieviel von ihnen, wie das Verhältnis auszurechnen ist. Aber wir wissen, es gibt da einen Unterschied, irgendetwas läuft da. Für meine Seite heißt das: Ich versuche, mich in diesem Gleichgewicht zu bewegen, es zu finden. Das Abwägen von „liegt das an dir, liegt das an mir“. Denn es ist ja nichts, das du verbergen kannst, das du einfach abnehmen kannst. Du musst damit ständig durchs Leben laufen.

Was denken Schwarze, wenn Weiße über Rassismus reden?

Wir denken da manchmal: „Oh Gott, jetzt fühl dich doch nicht so schuldig, bei mir brauchst du das doch nicht.“ Und das macht es dann aber noch schwieriger: „Oh, Mist, jetzt bringst du sie in Verlegenheit! Los, sorge dafür, dass sie sich wohlfühlen, die haben doch schon ein schlechtes Gewissen darüber, wie die Dinge liegen.“ Aber es ist gut, darüber zu reden. Denn das existiert ja, es ist das Tabuthema, das niemand anschneidet. Keiner sagt: „Keine Bange, ich beurteile dich gar nicht so.“ Aber jetzt, wo diese Dinge passieren, öffnet sich auch die Tür, damit dieser Dialog endlich stattfindet. Ich war bei einer Veranstaltung von einer Gruppe namens „We Will Not Be Silent“ in Grand Central Station, wo sie Plakate hochhielten mit den Namen der Menschen, die gestorben sind, und die Frage, wie viele solcher Fälle es noch geben muss, bis sich etwas ändert. Da waren alle möglichen Leute. Unter anderem trafen wir einen jungen Studenten, der sagte: Wir sprechen auch über „white guilt“, das Schuldgefühl der Weißen. Wir sprechen darüber, was das ist und warum es existiert. Weil darüber eigentlich niemand spricht.

New York ist wie ein Vergrößerungsglas für die Gesellschaft. Sind die Reaktionen hier stärker, schwächer, anders als in anderen Städten?

Nein, nein. Ich war in LA zu Zeiten von Rodney King, und da brannte LA, und zwar durch die Bank.

Wie unterscheidet sich die Situation jetzt von damals?

Jetzt töten sie Menschen, statt sie bloß zu Klump zu schlagen. Oder sie machen beides.

Vor kurzem hat Ferguson von der übergeordneten Politik die Schuld für jahrelange Missstände bei der Polizei im Umgang mit Schwarzen bekommen, und Präsident Obama will die Polizeigesetze ändern. Siehst du das als Hoffnungsschimmer oder als Lippenbekenntnis?

Ich glaube, ich denke am ehesten: Warten wir mal ab, wir sehen ja, was passiert. Ich habe immer Hoffnung, ich bin Optimistin. Alles kann besser werden. Ich weiß, dass es besser wird. Aber ich weiß nicht … Bei diesem Aufruhr jetzt geht es darum, einen Wandel herbeizuführen. Und ich glaube, wenn jetzt nichts passiert, dann werden die Leute etwas unternehmen. Dann gibt es Unruhen. In anderen Worten: Ich glaube nicht, dass wir diesen düsteren Weg weitergehen werden. Ich habe also Hoffnung. Und wenn ich es recht bedenke: Dass da jetzt einige Gesetze geändert werden sollen, das sehe ich als Hoffnungsschimmer.

 

Janinah Burnett

Janinah Burnett
geboren in Los Angeles, Kalifornien,
lebt seit 2002 in New York und wohnt in Harlem,
arbeitet als Sängerin u.a. an der Met – sowohl als Erst- als auch als Zweitbesetzung,
liebt Yoga: Ihre würdevolle Haltung fällt an der Oper und bei Konzerten auf.

 

Es wird noch weitere Aufführungen von „I, Too Sing America …“ geben. Aktuelle Opern-Engagements und Konzerttermine findet ihr auf Janinah Burnetts Website.

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