Fußballfans mit Hintergedanken

Ken war mir am Freitag schon aufgefallen. Er trägt ein Trikot der US-Mannschaft, steht am Tresen und feuert in amerikanischer Lautstärke die deutsche Mannschaft an. Nach dem Tor nutze ich die Gelegenheit, schnell aufs Klo zu verschwinden. Als ich auf dem Rückweg an Ken vorbeikomme, ruft er mir hinterher: “Ey, are you German?” Erwischt. Ich hatte mich mit zwei Touristen in meiner Muttersprache unterhalten. Ich sage Ken, dass ich mich beim letzten Mal schon gewundert habe und jetzt gerne wissen möchte: Warum hält er immer so vehement zu den Deutschen? “Weil wir nicht gegen euch…

Fast verlobt

Ein Mann wirft mir einen gequälten Blick zu. Seine Tochter nimmt gerade ein T-Shirt in Empfang und zieht trotzdem ein Regenwettergesicht. Hier sind viele Eltern mit ihren Kindern. Und viele Leute, die so aussehen, als würden sie ihr halbes Leben vor dem Fernseher verbringen (schon schaltet sich der Rohrspatz in meinem Hirn ein: Klischeealarm!). Ich bin im Nokia Theatre am Times Square. Die Bühne ist längst umgebaut, eine Showtreppe wartet auf den Star, aber Adam Lambert lässt sich Zeit. Vor mir zickt aufgedonnerter Jüngling mit T-Shirt über Netzhemd seinen Begleiter an, der kurz darauf mit…

Schlag ins Wasser

Dies ist eine Bildergeschichte. Auf dem See mit dem schlichten Namen “The Lake” im Central Park (wo es auch noch weitere Gewässer gibt) sieht man im Sommer viele Ruderboote. Dieses hier fängt den Blick vieler Spaziergänger ein, die eigentlich nur zum berühmten Bethesda-Brunnen wollten. Jetzt haben wir also zwei miteinander vertäute Ruderboote, auf denen eine Platte liegt mit Schlagwerk drauf. Ein Stück weiter des Wegs liegt etwas auf dem Boden. Es verrät, warum ich hier bin. Ich möchte eine Aufführung von “Persephassa” sehen, einer Komposition von Iannis Xenakis für sechs Perkussionisten. Die Uraufführung fand in…

Nur ein Spiel

Okay, es ist gar nicht zwölf Uhr mittags. Es ist halb acht. Morgens. Jetzt spielt Deutschland gegen Serbien. Und das will ich sehen. Die meisten Bars hier lassen sich etwas einfallen, um fürs Fußballgucken zu werben. Weil man das offizielle Logo ja nicht so ohne weiteres verwenden darf, hängen sie beispielsweise Fahnen aus aller Herren Länder nach draußen. Oder lassen Fußbälle in Netzen von ihrem Schild baumeln. Aber sie alle versprechen dasselbe: “Watch every soccer game here!” Und ich habe das geglaubt. Aber jetzt stehe ich da. Erst mache ich mir keine Gedanken, weil auf…

Kunst und Kohl

So ein Schlüssel zur Stadt öffnet Türen. In diesem Falle hatte ich dahinter Staub und Spinnen erwartet. Die geziegelte Scheune steht in einem Hof. Der liegt hinter einem Bahnübergang in der South Bronx. Das Gelände gehört zu The Point, einem sozialen Projekt, das der Jugend aus der Nachbarschaft eine Perspektive geben will. Mein Schlüssel passt ins Schloss. Mit einem beherzten Ruck öffne ich die Tür – und bin erstaunt, wie (relativ) hell es drinnen ist. Auf einer Staffelei steht ein Plakat, mit dem ich dazu eingeladen werde, nach Herzenslust zu malen. Das Bild soll ich…

Krisenwerbung

In New York gibt es sehr viele Kirchen. Und Tempel. Und Synagogen (die man, anders als in Deutschland, ohne Metalldetektortest betreten kann). Sogar Moscheen. Bei so großer Konkurrenz muss man sich etwas einfallen lassen, um Schäfchen zu horten. Deshalb hängt an vielen Kirchen außen ein Schaukasten mit Informationen, wann Gottesdienst ist, in welcher Sprache, und wer die Predigt halten wird. Einige lassen sich auch eine knackige Überschrift für das Thema der nächsten Predigt einfallen. Einer meiner Favoriten, den ich vor ungefähr zwei Jahren sah, war “Guess who came to dinner?” für einen Gottesdienst mit Abendmahl….