Blickfang der Woche

An diesem Blickfang kam ich nicht zufällig vorbei. Überrascht hat er mich trotzdem. Auf dem Weg zu einer Veranstaltung, die sich mit dem Müll in New York befasst, freue ich mich auf die Müllautos. „Wir haben auch echte Müllwagen!“, hieß es in der Ankündigung, und ich stelle mir vor, wie Kinder (und hoffentlich auch ich) darauf herumklettern und unter sorgsamer Anleitung kundiger Müllmänner und -frauen lernen, was diese Rumpelmaschinen alles können, das nicht zu gefährlich ist für Normalsterbliche.

Aber wir sind ja nicht beim Feuerwehrfest. Ich sehe schon auf dem Weg von der U-Bahn, dass niemand auf dem großen weißen Wagen herumklettert und auch seine Türen geschlossen sind. Aber wie er strahlt! Einen nagelneuen, blitzsauberen Müllwagen haben sie vor die Tür gestellt, keine der verbeulten Schindmähren, in denen meine Rotzfahnen und Kaffeesätze landen. Doch hinter diesem Wagen wartet die Überraschung.

Social Mirror von Mierle Laderman Ukeles

Da guckt mich jemand an, und dieser jemand bin ja ich! Huch! Diese Wirkung hatte Mierle Laderman Ukeles im Sinn.

Seit gut 50 Jahren beschäftigt die Künstlerin sich mit Arbeit, und die Müllabfuhr und Stadtreinigung in New York ist ihr ein besonderes Anliegen. 1977 wurde sie artist in residence bei der entsprechenden Behörde, dem Department of Sanitation (DSNY ). Ihr bekanntestes Werk dort heißt „Touch Sanitation“: Jedem einzelnen der damals 8.500 Müllmänner (Frauen gab es erst später) schüttelte sie die Hand, um sich bei ihnen dafür zu bedanken, dass sie „die Stadt am Leben erhalten“. (Übrigens: Wenn ihr mehr über die Arbeit der New Yorker Müllabfuhr erfahren wollt, lest dieses Interview mit der Forscherin Robin Nagle.)

Im Jahr 1983 machte Mierle Laderman Ukeles diesen Wagen, vor dem ich gerade stehe, zu „The Social Mirror“. Übersetzt bedeutet das ungefähr: Der Spiegel der Gesellschaft. In New York passt das besonders gut.

Denn die Müllautos sind zwar eigentlich unübersehbar, die großen Maschinen machen obendrein jede Menge Lärm und stehen Auto- und Radfahrern oft im Weg. Aber die meisten New Yorker übersehen sie geflissentlich. Ist etwas erst einmal im Müll gelandet, will man nicht mehr dafür verantwortlich sein.

Und was macht man dann üblicherweise? Na, wegschauen natürlich. Als würde sich so ein Müllbeutel in Luft auflösen, als sei ein Müllwagen unsichtbar. Heiliger Bimbam, wenn er zum Hingucker wird!

Nehmt ihr die Müllautos, die euren höchstpersönlichen Müll abholen, bewusst wahr?