Beitrags-Archiv für die Kategory 'Kultur'

Prima Donna

Tuesday, 21. February 2012 22:10

Sonst heißt es ja meistens “please don’t …” oder “you can’t”. Aber hier fallen die Worte “strictly” und “prohibited”. Nein, ich habe keinen Ausflug ins Atomkraftwerk gemacht, ich sitze in der Oper. Diesmal nicht in der Met, sondern im Howard Gilman Opera House der Brooklyn Academy of Music (BAM), wo die derzeit heimatlose New York City Opera an diesem Abend gastiert. Und dort drinnen darf man nicht fotografieren. Was sehr schade ist, weil allein das Bühnenbild von Rufus Wainwrights Operndebüt “Prima Donna” sehenswert ist.

Ich kann natürlich auch nicht den Gesang meiner neuen Lieblingssängerin aufnehmen (Kathryn Guthrie Demos in der Nebenrolle der Marie). Oder den Applaus. Oder die aufbrandenden Rufe, als zum Schluss tatsächlich noch Rufus Wainwright auf die Bühne kommt, mit Glitzerbrosche und Schuhen, die ich ihm gerne sofort abkaufen möchte. Aber all diese Leute wohnen ja nicht auf der Bühne. Und schon auf dem Hinweg bin ich zufällig am Bühneneingang vorbeigekommen, da stand kein Verboten-Schild, auf dem Rückweg auch kein Wächer der Kameras. Wer das nun ist, der da vorbeieilt, als ich nach der Vorstellung zur U-Bahn gehe, überlasse ich der Fantasie.

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Ein Auge fürs Plakat

Friday, 17. February 2012 16:28

Man sieht in New York zwar fast nur noch Leute, die digital fotografieren, ob Spiegelreflex oder Smartphone, aber das heißt noch lange nicht, dass die Geschichte mit Film, Papier und Chemiebad vergessen ist.

Daran erinnert das aktuelle Werk auf der Highline Billboard – eine der Werbetafeln an der Strecke des Highline Parks ist der Kunst gewidmet (die erste Ausstellung hatte ich ja verpasst, weil die Daten nicht stimmten, jetzt gehe ich auf Nummer Sicher und mittendrin hin). Derzeit prangt dort “Developing Tray #2″ von Anne Collier. Der “Rahmen” ist eine Schüssel aus dem Fotolabor, in dem belichtetes Papier zum Entwickeln badet. Auf dem Papier erscheint das Auge der Künstlerin. Wer fotografiert jetzt hier wen?

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Verkehrserziehung mit Poesie

Tuesday, 14. February 2012 14:37

New York ist ein Schilderwald. Alles Mögliche soll beachtet werden, da geht es lang, dies ist verboten und vor jenem wird gewarnt. Und dann gibt es noch höchst öffentliche Poesie: Curbside Haiku sollen die New Yorker Straßen sicherer machen. Fehlt nur noch das Schild, dass daran erinnert, jederzeit die Augen nach schönen Überraschungen offenzuhalten.

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Bruchrechnen mit dem Lügenbaron

Tuesday, 7. February 2012 19:40

Die Vortragsserie “Adult Education” (Erwachsenenbildung) erfordert gleichzeitig Erwachsenenhirne und Kinderseelen. Denn auf der einen Seite sind die Kurzvorträge meist sehr intelligent aufgebaut. Auf der anderen Seite enthalten sie eine gute Portion dessen, was der eine Lügenmärchen und der andere dramatische Zuspitzung nennen mag. Ich nenne es großen Spaß. Für mich wird es manchmal zum Rätselraten, an welcher Stelle ein Vortrag die Grenze zum Reich der Fantasie überschreitet, weil ich nun einmal nicht mein ganzes Leben in diesem Land verbracht habe und mir manches Allgemeinwissen fehlt – von Popkultur bis Geschichte.

Drew Dernavich arbeitet als Zeichner für den New Yorker. Heute erzählt er eine exzellent gedrechselte Geschichte über Herkunft und aktuellen Stand der Gospelmusik, und ein Teil davon dreht sich um die Drei-Fünftel-Klausel in der amerikanischen Verfassung. Die Gründungsväter verwendeten sie für die Wertung (bei Volkszählungen, Steuern, Wahlen) der Menschen, die im einen Teil des Landes Sklaven bleiben sollten und im anderen nicht. “Aber das”, so Drew, “waren nicht die einzigen.” Die Gründungsväter hätten viele Leute auf dem Kieker gehabt. Als erstes zeigt er dazu das Bild eines Hessen, der 4/5 zählte. Und längst nicht nur die Herkunft führt zur Bruchrechnung, sondern auch die Einstellung.

Von da geht es über Star Trek und Led Zeppelin zur Pointe, die erklärt, warum – wiederum mit einer Drei-Fünftel-Klausel – Rap die Gospelmusik der Gegenwart ist. Das ist natürlich alles Quatsch, aber in diesem Folgerungspaket stecken viele Funken für Synapsenfeuer.

Und die Drei-Fünftel-Klausel gab es wirklich.

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New York liest!

Wednesday, 25. January 2012 20:26

Da sitzen sie und schauen dem entgegen, was sie als Beweis dafür werten, dass all diese vermeintlichen Experten falsch liegen: Kurze Texte sind nämlich nicht das Einzige, was überhaupt noch gelesen wird.

Der Chefredakteur des New York Magazine hat zu “Behind the Longreads” drei seiner Autoren mitgebracht: Wesley Yang, Jessica Pressler und Dan P. Lee sprechen über die Entstehung ihrer Long Reads – das sind sehr lange Geschichten, die aber eben keine Märchen, sondern Sachgeschichten sind. Und die wie hulle gelesen werden. Selbst die Aussicht, mehr über die Geschichten zu erfahren, zieht die Leute an: Es ist rappelvoll.

Wesley Yang macht aus seiner Geschichte jetzt ein Buch. Zum Schluss fragt jemand, wann denn so ein Punkt käme, wie man entschiede, dass da ein ganzes Buch drin stecke. Ganz einfach, sagt Yang: Er habe 50.000 Worte geschrieben, aber nur (!) 10.000 wurden gedruckt.

Ich bleibe jetzt mal bei 150 Worten. Ich will noch etwas lesen.

 

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Punkte sammeln bei Damien Hirst

Friday, 20. January 2012 16:17

Ach, jetzt schaut mich schon wieder eine von denen von oben nach unten und vor allem von oben herab an (dabei sitzt sie und ich stehe, aber die haben den Bogen eben raus). Galerie-Tresen-Tippsen gehören zu dem wenigen, was in New York absolut berechenbar ist. Aber der Reihe nach. Das da oben sind Bilder von Damien Hirst. Davon gibt es ganz viele. Zum Beispiel auch dies:

Damien Hirst hat eben nicht nur Haie in Formaldehyd eingelegt, sondern auch ganz, ganz viele Punkte gemalt (oder besser gesagt: malen lassen). Und sein Galerist Larry Gagosian stellt jetzt all die gesammelten Punkt-Werke aus. Weil er ein beachtliches Galerie-Imperium besitzt, kann man dazu allein in New York in drei Galerien fahren (die beiden Fotos sind aus zwei verschiedenen). “The Complete Spot Paintings” hängen in elf Galerien, in acht Städten, in sieben Ländern, auf drei Kontinenten.

Wer sie sich alle anschaut, bekommt ein Geschenk. Und deswegen guckt mich die Frau so blöde an. Ich sehe vielleicht nicht so aus, als würde ich um die Welt jetten, um Punkte zu sammeln. Aber ich bin von Berufs wegen neugierig. Ich möchte gerne wissen, wie die das denn nachhalten, dass jemand in den ganzen Galerien gewesen sein will. Die Frau hebt wortlos eine Karte hoch, und ich denke, ich darf die haben. Sie zieht sie entsetzt weg.

“Da müssen Sie erst mal die Prozedur durchlaufen”, sagt sie, und ich bin davon überzeugt, dass in diesem Fall “procedure” genau richtig übersetzt ist, so meinte die das. Damit ich eine vernünftige Antwort bekomme, setze ich ein fröhliches “Toll, dann möchte ich gerne mitmachen” hinterher. Das verfinstert ihre Miene aber nur, und deshalb zieht sie jetzt erst mal ein mehrseitiges Regelwerk aus einer Schublade. Am Ende erfahre ich zumindest: Wer die Karte hat, lässt sie sich in jeder Galerie abstempeln. Und wer wirklich jede schafft, bekommt einen Druck. Ganz einfach also, aber es war eine rechte Prozedur, das herauszufinden.

Fast ärgere ich mich, dass ich vorher so viel Zeit mit den Bildern verbracht habe. Aber es hat geholfen. Ich glaube, dieser Effekt, dass die Bilder einem vor den Augen verschwimmen, geht von den helleren Punkten aus. Oder vom leeren Magen.

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Puppenspielertricks

Tuesday, 17. January 2012 18:52

Graf Zahl ist nicht da. Die Sesamstraße hatte ich ja auch gar nicht erwartet, aber Puppen – schon.

Den Titel der Veranstaltung finde ich ärgerlich irreführend: Fireside Puppet Chats. In der Reihe, die die Puppenspielerin Kate Brehm organisiert, steht heute Mathematik auf dem Programm, und ich dachte, so etwas mit Puppen umgesetzt, das wäre doch was für mich. Aber es gibt weder einen Kamin noch Puppen, nur Puppenspieler. Am Ende lerne ich aber doch noch etwas: Man kann an einer Hand bis 31 zählen. Wenn man das Dualsystem verwendet. Kate macht es vor, hat diesen Fakt und die dazugehörigen Handzeichen aber nicht in ihrem Beruf gelernt, sondern von einem programmierenden Mitbewohner.

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Doppelgänger

Saturday, 7. January 2012 16:32

Da habe ich mich lange genug darauf gefreut, mir das hier anzuschauen, und ich dachte, ich schaue dann ganz ruhig auf die Fläche und die Details und staune. Stattdessen bin ich beinahe gehetzt. Und das liegt nur an dem Müll draußen vor der Tür.

Ai Weiwei hat traditionelle chinesische Porzellan-Meister Millionen Sonnenblumenkerne herstellen lassen. Mehrere Tonnen davon liegen jetzt hier auf dem Boden der Mary Boone Gallery. Ganz neu ist das nicht, in London waren sie auch schon ausgestellt.

Aber ich habe es eilig, wieder vor die Tür zu kommen. Da draußen liegt nämlich Müll herum, neben einem Pappbecher habe ich einen Sonnenblumenkern entdeckt, als ich herkam, und noch gedacht: Ha, lustig, ausgerechnet hier. Aber seit ich hier drinnen um das Sonnenblumenkernfeld herumstreiche, das Ai Weiwei schlicht “Sunflower Seeds” genannt hat, frage ich mich, ob dieser Sonnenblumenkern da draußen nicht vielleicht doch ein bisschen zu groß und ein bisschen zu wenig zufällig gewesen sein könnte.

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So ein Zirkus!

Monday, 2. January 2012 21:21

Ausgehen ist teuer. Aber die ganzen Künstler müssen ja irgendwo üben, und weil die Konkurrenz in New York besonders groß und die Ellenbogen besonders gestählt sind, übt man hier eben vor Publikum. Und ich habe eine gewisse Vorliebe für “work in progress” entwickelt – solche Shows kosten wenig und erhöhen die Spannung (dünn ist die Grenze zwischen begeistert und entgeistert). Nur: Funktioniert das auch mit Varieté- und Zirkusnummern?

Gleich bei der ersten Nummer bei der “Open Stage Variety Hour” des Bindlestiff Family Cirkus wird mir angst und bange. Das liegt aber nur daran, dass die Show im herrlichen Dixon Place ausverkauft ist. Ich bin die Erste, die sie nicht mehr hineinlassen. Die Frau hinter mir ist zuversichtlich, dass da noch was geht. Und dann holen sie eben Stühle aus der Bar und stellen sie an die Seite der Bühne. Da sitze ich genau in der imaginären Schusslinie des Diabolo, mit dem Zirkusdirektor Keith Nelson spielt. Es geht ohne Unfall. Diesmal.

Das, so lerne ich schnell, ist Teil des Spaßes, wenn man kein Theater, sondern Artistik in unfertiger Fassung anschaut: Die Künstler spielen mit Missgeschicken und Unzulänglichkeiten. Ich glaube, schon in der Mitte der ersten Nummer habe ich rote Bäckchen wie mit fünf. Und weil ich ja seitlich auf der Bühne sitze, sehe ich auch, wie furchtbar anstrengend es ist, so zu tun, als beherrsche man seine Nummer nicht – und bräuchte einen Luftballon als Hebehilfe.

 

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Hunderttausend verschwunden

Friday, 30. December 2011 14:18

Geld ist immer schneller weg, als man denkt. Das ist meine Lektion des Tages. Ich wollte mir auf den letzten Drücker “The First $ 100,000 I Ever Made” von John Baldessari anschauen, eine Hunderttausend-Dollar-Note aus der Inflationszeit auf Werbeplakatgröße gebracht, aber sie ist weg. Da stand zwar “bis 30.12.”, aber auf der High Line geht das mit dem Ende von Ausstellungen vielleicht anders als in Galerien und Museen – letzter Tag nicht inbegriffen? Heute ist der 30., und sie ist nicht nur weg, sondern es hängt auch schon andere Werbung da. Oder Kunst. Ist mir egal, davon mache ich kein Bild.

$ 100,000 sehen? Hier entlang.

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Und tschüss (Paparazzi)

Wednesday, 28. December 2011 12:26

Sie berufen sich auf eine Tradition, die angeblich von den Römern stammt: Bevor das neue Jahr kommt, wird man schnell noch alles los, was im alten Jahr scheiße war. In New York ist “Good Riddance Day” (im Ruhrgebiet würde man streiten, ob das nun “Und Tschüss-Tag” oder “Ab dafür-Tag” heißen soll) inzwischen eine große Sache geworden. Das mag am Winterloch liegen. Jedenfalls reihen sich Kameramänner, Außenreporterinnen und Fotografen diesmal so, dass ich kaum das Ende der Warteschlange ausmachen kann.

Ich schaffe es ohne Interview bis nach vorne, ich habe schließlich keinen der offiziellen Zettel ausgefüllt, auf die man schreibt, was man loswerden will, und dann hofft, am originellsten zu sein und etwas zu gewinnen. Oder das Wohlwollen der tiefgebräunten ABC-Frau zu gewinnen und ins Fernsehen zu kommen.

Ich habe meinen eigenen Zettel für den Schredder mitgebracht. Vor allem aber zwei Sachen, die unter den Hammer sollen. Dem Empfangsmann sage ich, dass ich mit der Moderatorin nicht sprechen möchte. Er arrangiert, dass sie mich nicht nach meinem Namen fragt, aber sie findet mich ganz furchtbar mysteriös, und das sagt sie natürlich, woraufhin sich Trilliarden Kameras auf mich richten und ich Anweisungen zugerufen bekommen, wie ich mich hinstellen soll. Das haben die sich so gedacht. Ich drehe ihnen den Rücken zu und tue, wozu ich hergekommen bin. Ich bin furchtbar enttäuscht von dem Gerät, das man mir in die Hand drückt. Ich dachte, ich kann das hier in eine gigantische Presse stecken oder unter einen Schmiedehammer legen.

Die Moderatorin zählt die drei Sachen auf, was ich mitgebracht habe und zertrümmere. “Das ist etwas mysteriös, aber das tut ihr total gut”, sagt sie. Und dann fragt sie mich, wie ich mich jetzt fühle.

Zwei Blocks später fällt mir die passende Antwort ein.

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